»NEST war wie ein Geschenk.« Esther Ehrlich im Interview

01.09.2016

Chirps Leben auf Cape Cod ist eigentlich ziemlich perfekt – bis eine Tragödie die Familie in ihrem Fundament erschüttert: Chirps Mutter, von Beruf Tänzerin, erkrankt an Multipler Sklerose. In »NEST« beschreibt die Amerikanerin Esther Ehrlich berührend und authentisch aus der Sicht der jüngsten Tochter, wie eine Krankheit eine Familie ohnmächtig zurücklässt und wie Freundschaft in dieser Zeit zum wichtigsten Rettungsanker wird. Wir haben die Autorin zur Entstehungsgeschichte des Buches befragt.

 

(c) Charles Reily

NEST spielt auf Cape Cod, einer Insel am äußersten Zipfel von Massachusetts. Welche Bedeutung hat der Schauplatz für die Geschichte?

Das Setting spielt eine große Rolle! Einige Leser haben mir erzählt, dass ihnen Cape Cod in der Geschichte wie ein eigenständiger Charakter vorkommt. Das gefällt mir, denn ich liebe diesen Ort sehr und vermisse ihn schrecklich.
Als ich ein kleines Mädchen war, verbrachte ich mit meiner Familie jeden Sommer in Cape Cod. Zwei Stunden lang sind wir mit unserem vollbepackten Auto von unserem Haus bei Boston zur Insel gefahren und dann hatte ich das Glück, einen ganzen Monat lang jeden Tag im Meer zu spielen und mit meinen beiden Schwestern in einem Zelt zu schlafen (mein Bruder hatte ein eigenes). Ich bin durch die Dünen gelaufen, habe in kristallklaren Seen gebadet und hatte während der ganzen Zeit fast nie Schuhe an. Ich lag im weichen Gras und zählte die Sternschnuppen, bis ich einschlief. Ich erkundete die Salzsümpfe, lauschte all den verschiedenen Vogelgesängen und unternahm so viel wie ich wollte auf eigene Faust. 
Inzwischen verbringe ich den größten Teil meines Erwachsenenlebens fast 5000 Kilometer entfernt von Cape Cod in der Nähe von  San Francisco. Es ist wunderbar hier, aber eben doch nicht wie »zu Hause«. Das Schreiben an NEST war wie ein Geschenk: Ich saß an meinem Schreibtisch in Kalifornien und reiste in meiner Vorstellung zurück an diese geliebten Orte meiner Kindheit, um dort mit Chirp und Joey und allen anderen Charakteren des Buches Zeit zu verbringen.

Esther Ehrlich im Alter von 5 Jahren.

Wie kamen Sie auf die Geschichte von NEST? Was hat Sie inspiriert?

 NEST begann mit einem Bild in meinem Kopf: Zwei Schwestern tanzen auf einer Straße im Sommerregen in grünen Bikinis, während ihre Mutter, von Beruf Tänzerin, sich nicht gut fühlt und ihnen von der Veranda dabei zusieht. Aus diesem Bild entspann sich in meinem Kopf langsam eine Geschichte.
Und es gibt einen realen Bezug: Als ich in der zweiten Klasse war, wurde meine Mutter – eine Dichterin, keine Tänzerin – mit Multipler Sklerose diagnostiziert. Die Erfahrung, als Kind eine sehr kranke Mutter zu haben, war sicher ein wichtiger Auslöser, später diese Geschichte zu schreiben. (Und ja, meine Schwestern und ich liebten es auch, mit den Nachbarskindern im Sommerregen zu tanzen).

Esther Ehrlich mit ihrer Mutter am Strand von Cape Cod.

Was war für Sie die größte Herausforderung beim Schreiben von NEST?

Im Gegensatz zu allem, was man so hört über die Qual und den Kampf des Autors beim Schreibprozess, habe ich NEST eigentlich größtenteils mit großem Vergnügen geschrieben. Zu meinem Erstaunen habe ich entdeckt, dass sich die Handlung in dem Moment, in dem ich meine Figuren aufmerksam beobachtete und mir überlegte, wie sie wohl handeln würden, von allein entwickelte. So traten dann auch ganz andere Figuren in den Vordergrund, als ich es ursprünglich geplant hatte. Zum Beispiel war Joey zu Beginn einer von vielen Nachbarskindern in Chirps Welt. Ich hatte ihm gar keine zentrale Rolle gegeben, aber irgendwie brachte sich die Figur immer wieder in den Erzählstrang ein; er ging einfach nicht mehr weg!

Esther Ehrlich (rechts) beobachtet mit ihrer älteren Schwester einen frisch geschlüpften Monarchenfalter kurz vor seinem ersten Flug.

Gibt es eine Botschaft in NEST? 

Ich hoffe, dass meine Leser aus der Geschichte mitnehmen, dass in Momenten, in denen wir jemanden verlieren, Liebe und Zusammenhalt einen großen Unterschied machen können. NEST unterstreicht auch den Gedanken, dass Kinder mehr aushalten, als man denkt und dass sie ein sehr gutes Gespür dafür haben, was ihnen in schwierigen Zeiten gut tut. 

Ester Ehrlichs »NEST« ist nun überall im Handel erhältlich.