Nina Blazon

Nina Blazon

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„Uff, noch einen Tag länger Ferien und ich hätte es nicht mehr ausgehalten“, stöhnt Feli.
„Was?“ Ich sehe sie verblüfft an und muss dabei ein Gesicht machen, als hätte mich ein Elch geküsst, denn Feli prustet los. Mitten in die Stille hinein, als Frau Gossler gerade die Klassenliste durchgeht und jeden Namen einzeln aufruft.
„… Raphael Schiller?“, wiederholt Frau Gossler ernst und sieht in unsere Richtung.
Das kann ja heiter werden. Das neue Schuljahr ist gerade mal eine halbe Stunde alt und wir sind die Ersten, die Ärger kriegen. Ich halte ihrem Lehrerinnen-Röntgenblick stand, brav wie ein Lamm, als wäre nicht das Geringste passiert.
Ach, es ist einfach wunderbar, dass wieder Schule ist. So irre es klingt. Feli sitzt neben mir und alles ist wie immer. Wir haben es echt wieder hingekriegt, trotz allem, was im Sommercamp passiert ist.
„Hier!“, ruft endlich Schiller von seinem Tisch am Fenster und lenkt Frau Gosslers Aufmerksamkeit von uns ab.
Erleichtert atme ich auf. „Bist du krank?“, flüstere ich Feli zu und lege ihr meine Hand auf die Stirn. „Na, Fieber hast du jedenfalls keins.“
„Wieso?“, fragt Feli und strahlt mich an. Es ist dieses Lachen, das dir sagt, dass alles klargeht und dir nichts passieren wird.
„Weil du froh bist, dass die Ferien zu Ende sind“, sage ich. „Und weil ich das aus deinem Mund nicht glauben kann.“
„Das war auch nicht ernst gemeint. Hast du gehört, was wir dieses Schuljahr alles lernen sollen?“, fragt Feli und deutet mit dem Kinn zur Tafel, auf der in Frau Gosslers zackiger Schrift der Lehrplan für Mathe steht. „Paula, wo bleibt da noch Zeit für Spaß?“
„Och nee, ich bin jetzt schon wieder ferienreif“, stöhne ich wie eine Filmdiva mit Kopfschmerzen. Und dann kichern wir beide.
Frau Gossler ist inzwischen am Ende ihrer Namensliste angelangt.
„Max Zöllner“, schallt ihre Stimme durch die Klasse.
Max Zöllner? Den haben wir nicht in unserer Klasse. Hatten wir auch noch nie. Verstohlen schiele ich auf meine Armbanduhr, wie lange es noch bis zur Pause ist.
„Jaaa!“
Schlagartig tönt ein allgemeines Stühlerücken durch den Raum, weil sich alle nach dem geheimnisvollen Ja-Sager umdrehen. Auch Feli und ich. Und tatsächlich, in der letzten Bank sitzt er, ein Neuer. Der Arme wird gleich puterrot und erntet dafür auch noch Gekicher. Aber dann erlöst ihn die Pausenklingel.
„Wiederholt noch einmal alle Rechengesetze des letzten Jahres!“, ruft Frau Gossler uns hinterher, aber das hört in dem Tumult niemand mehr.
Mittags nach Unterrichtsschluss trödeln Feli und ich noch ein wenig in den Schulgängen herum. Ich genieße es wirklich, wieder in der Schule zu sein, auch wenn es vielleicht ein stressiges Jahr werden wird. Aber endlich werden wir wieder mit den ganzen Leuten hier zusammen sein, uns über Hausaufgaben und Lehrer aufregen, alles miteinander bequatschen und einfach viel Spaß haben.
„Was machst du heute?“, fragt Feli. Und ohne meine Antwort abzuwarten sprudelt sie los. „Du musst nämlich unbedingt zu mir kommen, meine Schwester hat Singstar!“
Bei dem Wort Singstar klingt ihre Stimme wie das Kling-kling im Zeichentrickfilm, wenn der Typ die Schatzkiste aufmacht und es daraus wie verrückt strahlt und funkelt.
Mir klappt der Mund auf. „Hanna hat unser Spiel?“, stammle ich. Ich sage unser Spiel, weil Feli und ich uns jedes Mal, wenn Singstar in der Werbung läuft, schwören, dass wir bald auch eins haben werden. Nur fehlen uns leider bisher sage und schreibe dreihundert Euro dazu.
„Ja, mit Mikrofonen und allen Drum und Dran“, ruft Feli. „Und das Beste: Meine Schwester ist heute nicht da, wir haben sturmfreie Bude!“ Abwartend sieht sie mich an und rempelt dabei fast den schwitzigen Müller an, der ihr entgegenkommt. Er gibt Sport und läuft den ganzen Tag in Jogginghosen herum und wirkt immer außer Atem, sogar wenn er gerade eine Freistunde hat.
„Was ist, hast du Lust?“, fragt Feli, nachdem er im Lehrerzimmer verschwunden ist.
„Was denkst du denn?“, frage ich. „Ich bin um drei bei dir.“
Als wir die Treppe hinunterstürmen, hören wir den Hausmeister schon von Weitem fluchen, weil vermutlich wieder einmal der Getränkeautomat in der Aula streikt.
„Schnell weg hier, sonst denkt er noch, wir hätten den Automaten mit Spielgeld verstopft“, ruft Feli und zieht mich zum Ausgang.
„Hast du denn?“, frage ich und schlittere ihr über den glatten, frisch gewischten Boden hinterher.
„Noch nie!“, ruft sie übermütig.
Dann stolpern wir aus dem Schulhaus hinaus in die grelle Sonne. Als sich meine Augen an das Licht gewöhnt haben, entdecke ich Schiller. Er steht vor dem Tor, hat die Hände in den Hosentaschen und grinst uns unter seinem unvermeidlichen Hut hervor an. Es ist so was wie sein Markenzeichen, aber niemand, wirklich niemand unter sechzig würde so ein Ding freiwillig tragen. Doch ohne diesen Hut wäre Schiller nicht Schiller.
„Na, alles klar?“, fragt er.
„Hey, Schiller“, sage ich und bleibe vor ihm stehen.
Feli nickt ihm atemlos zu.
„Was macht euer Hundesitterdienst?“, fragt er und wippt dabei auf den Fußspitzen auf und ab.
„Paula und ich haben Plakate aufgehängt“, sagt Feli. „Wir haben alles im Griff!“
„Aber bisher hat sich noch keiner gemeldet“, erkläre ich und gebe Feli einen Schubs, weil sie nicht so schnippisch zu Schiller sein soll.
„Das läuft bald an“, sagt Schiller so sicher, als hätte er hinter unserem Rücken längst die Schlange mit Neukunden entdeckt. Schön wär’s, denn in meinem Geldbeutel herrscht absolute Flaute.
Sarah und Jenny gehen winkend an uns vorbei und verziehen mitleidig das Gesicht, was wohl so was wie Anteilnahme sein soll. Schiller ist nämlich der Außenseiter in unserer Klasse. Er ist da irgendwie reingerutscht. Man sieht ihn nie mit den anderen was machen, er hat in allen Fächern supergute Noten und in den Pausen sitzt er meistens irgendwo alleine mit einem Buch herum. Aber er ist ein prima Typ und seit dem Sommercamp sind wir so was wie befreundet.
„Dort ist der Neue“, flüstert Feli und deutet unauffällig mit dem Kopf zur Haltestelle der Straßenbahn. „Alex oder so.“
„Er heißt Max“, sagt Schiller und beobachtet stirnrunzelnd, wie der Neue sich auf die Mauer neben dem Tor setzt, mutterseelenallein, und ein Buch aus seinem Rucksack zieht.
Ich kichere, am Ende macht er Schiller noch Konkurrenz, denn so sieht er ihm wirklich zum Verwechseln ähnlich. Bis auf den Hut natürlich. Da kommt auch schon meine Straßenbahn und ich verabschiede mich schnell.
„Bis später!“, rufe ich Feli zu und laufe los.
(...)

Von Nina Blazon bei ALADIN

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